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Jammern verboten (2)

Unser Karibikurlaub, auf den wir uns schon lange gefreut hatten – und da saßen meine Frau und ich auf dieser traumhaften Insel und warteten tagelang vergeblich auf unser Gepäck. Das war natürlich eine wirklich ärgerliche Situation. Aber erstaunlicherweise ergaben sich daraus mehrere für uns wirklich positive Erfahrungen.

Das ging schon damit los, dass, als wir unsere Situation im Hotel erklärt hatten, gleich eine ganz hilfsbereite Dame von der Rezeption sich wirklich sehr nett bereit erklärt hatte, mal schnell nochmal am Flughafen anzurufen, vielleicht hätte ja jemand doch noch den Koffer gefunden, dass er vielleicht einfach viel zu spät ausgeladen wurde oder was auch immer … Das war also schon mal an sich schön.

Dann war da das Pärchen, das wir am ersten Abend an der Bar getroffen hatten, eigentlich Amerikaner, die aber schon seit rund drei Jahren auf dieser Karibikinsel lebten. Die haben uns zum Abschied an dem Abend einfach von dieser Bar ein T-Shirt gekauft und uns geschenkt. Und dann haben sie uns auch noch eingeladen: „Mensch, wenn ihr schon ohne Gepäck unterwegs seid, dann zeigen wir euch die Insel, so wie Einheimische, also Leute, die da wohnen, diese Insel erleben.“ Zwei Tage später hatten wir entsprechend einen wundervollen Tag mit den beiden: Die haben uns die ganze Insel gezeigt, uns auch mit zu sich genommen, das waren wirklich ganz liebe Menschen, die wir da getroffen haben!

Wir sind auch tatsächlich nochmal zur Nachbarinsel gefahren zum Flughafen gefahren. Und dieser Lost & Found-Schalter hat uns auch da wieder nicht weitergeholfen. Allerdings haben wir einen Sicherheitsmann angesprochen, der direkt beim Ausgang positioniert war – den haben wir gefragt, ob wir kurz reinschauen dürften, ob unser Koffer vielleicht heute mitgekommen sei. Dem haben wir kurz die Sachlage erklärt, und dann sagte der: „Wisst ihr, was wir machen? Ich geb euch meine private Handynummer, und dann könnt ihr mich einfach immer nachmittags anrufen, so halb fünf, dreiviertel fünf, wenn der Flieger in jedem Fall schon länger da ist – und wenn ich hier eure Koffer sehe, dann sage ich euch Bescheid, dann müsst ihr nicht jeden Tag einfach auf gut Glück 60 Dollar ausgeben pro Person und drei, vier Stunden mit dem Boot hin- und herfahren.“

Das sind genau die Momente, auf die es ankommt. Hätte ich nur gejammert, wäre ich nur sauer gewesen, wäre ich nur in meinem Ärger gefangen gewesen, dann hätten diese Menschen wahrscheinlich nicht so reagiert.

Zurück im Hotel haben wir die Sache mit dem netten Sicherheitsmann auch an der Rezeption erzählt, und dann meinte eine weitere Dame dort: „Ach, da braucht ihr doch nicht anrufen, das machen wir für euch, und dann können wir denen gleich sagen, wohin das Gepäck geliefert werden soll.“ Also konnten wir einfach nur unseren Urlaub genießen und haben dabei ganz viele Menschen getroffen, die uns geholfen haben, die uns unterstützt haben und die diesen Urlaubsstart, der ja eigentlich nicht so positiv war, für uns zu etwas ganz Besonderem gemacht haben.

Auf den Blickwinkel kommt es an

Das ist eben genau mein Punkt: Ich bin fest davon überzeugt, wenn wir uns nur darauf konzentriert hätten, uns zu ärgern und diese Sache von uns hätten Besitz ergreifen lassen, dann hätten wir wahrscheinlich nicht die Reaktion bei diesen Menschen ausgelöst, die wir jetzt ausgelöst hatten.

Das alles ging ja auch noch weiter: Zum Beispiel haben wir dann auch mal nachgefragt beim Hotel, wie denn das jetzt sei mit dem Weihnachts-Gala-Menü, denn wir hätten ja jetzt nichts zum Anziehen. Die schmunzelten dann und sagten, das sei überhaupt gar kein Problem, sie würden die Gäste einfach informieren. Und das haben die dann auch ganz elegant und charmant gelöst. Wir haben tatsächlich den Weihnachtsabend zwischen lauter Menschen in Abendkleidung verbracht – nur wir eben mit Shorts (oder ich vielmehr mit der langen Hose, die ich während des Hinflugs getragen hatte) und Flip-Flops. Wir waren da also alles andere als wirklich passend angezogen. Und all die Menschen, die sich im Kontrast dazu herausgeputzt hatten und sich wirklich auch viel Mühe damit gemacht hatten, toll auszusehen – die kamen zu uns: „Mensch, das ist ja richtig doof, wenn man sein Gepäck nicht hat“, und ob sie etwas für uns tun könnten, uns vielleicht mit irgendetwas aushelfen könnten usw. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich davon erzähle, denn das sind die Arten von Erlebnissen, auf die es dann wirklich ankommt.

In einem früheren Post habe ich ja davon erzählt, wie ich einen Herzstillstand hatte und dabei kurz quasi weg von dieser Welt gewesen war. Und im Zusammenhang damit werde ich auch immer gefragt: „Mensch, stimmt das denn, dass dann das Leben wie in einem Film vor einem abläuft und so?“

Dazu kann ich sagen: Es war nicht das ganze Leben bei mir, sondern eher kurze Rückblenden, so wie wenn man eine Momentaufnahme mit einem Foto macht. Und da waren tatsächlich auch die Begegnungen mit diesen Menschen mit dabei. Weil es das ist, worauf es wirklich ankommt. Es kommt nicht auf Geld, Haus, Autos oder sonst irgendwas an. Meinen Kontostand habe ich da während meines Herzstillstandes nicht gesehen, dafür aber die Begegnung mit vielen tollen Menschen, dich ich speziell auch in diesem Urlaub hatte haben dürfen.

Im Nachhinein betrachtet war das einfach ein Traum-Urlaub für uns. Der Start war natürlich etwas sonderbar, aber wir haben so viele Menschen in kürzester Zeit kennengelernt. In der zweiten Woche, wenn wir auf der Insel unterwegs waren, haben wir da den Leuten zugewunken, die uns schon kannten – und das war so ein tolles Gefühl, wir haben uns fast schon heimisch gefühlt dort. Und das zu erleben, hätte wahrscheinlich nie funktioniert bzw. wir hätten das nie so erlebt, wenn unser Koffer mitgekommen wäre.

Somit haben alle Dinge, die passieren, immer zwei Seiten. Im konkreten Fall war es ja nur um einen schlimmstenfalls verlorengegangenen Koffer gegangen. Was wäre denn dann groß passiert? Es wäre Kleidung weggewesen, und dazu ein bisschen Zahnputzzeug.

Aber selbst bei schlimmeren Situationen kommt aus auf den Blickwinkel an – so schlimm wie es in dem Moment auch sein mag: Wenn man es schafft, einen Schritt zurück zu gehen und mit Abstand darauf zu schauen und vielleicht auch seine eigene Perspektive etwas zu verändern, kann man besser damit klarkommen, weil sich vielleicht sogar etwas Positives daraus ergeben kann.

Stell dir also einfach die Frage, wenn du es mit einer Situation zu tun hast, die vielleicht nicht sehr schön für dich ist: „Wie kannst ich die Situation bewerten? Welchen Blickwinkel könnte ich vielleicht noch einnehmen, um diese Situation für mich erträglicher und vielleicht dann sogar attraktiver zu machen?“

Dies als kleiner Impuls, als kurze Anregung von mir. Ich freue mich, wenn du demnächst wieder vorbeischaust.