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Glück haben nur die Anderen (1)

„Glück haben nur die anderen“ – ich hoffe mal, dass diese Aussage dir nicht so häufig durch den Kopf schießt. Aber vielleicht geht es dir auch so, dass du dich manchmal dabei ertappst, wenn einem Bekannten, Kollegen oder Freund etwas gelingt – dass du dir sagst: „Mensch, da hat er wieder Glück gehabt!“ Und bei mir ist das auch manchmal so.

Aber ich ertappe mich dann dabei, dass ich mich ein bisschen ärgere, wenn andere Leute das zu mir sagen: „Ja, da haben Sie aber Glück gehabt!“

Ein ganz konkretes Beispiel: Ich saß mal während eines Trainings beim Mittagessen mit den Teilnehmern zusammen und habe denen erzählt, dass ich zwei Jahre lang ein Projekt in Katar gemacht habe. Und spontan sagt da eine der Teilnehmerinnen: „Mensch, Herr Sänger, Sie sind ja ein echtes Glückskind!“ Und anstatt mich darüber zu freuen, ging’s mir eher so, dass ich mich geärgert und mir gedacht habe: „Wie? Warum bin ich denn ein Glückskind?“ Und dann habe ich darüber nachgedacht: Wie bin ich eigentlich zu diesem Projekt in Katar gekommen? Was habe ich dafür getan, und wie viel war denn da tatsächlich Glück?

Es ist ja schließlich nicht so, dass ich im Lotto gewonnen hätte – bei einer Chance von 1 zu wer-weiß-wie-viele Millionen auf den Hauptgewinn –das wäre dann tatsächlich Glück! Ich habe mir also überlegt: „Wie kam das denn, dass ich nach Katar gekommen bin? Und genau diese Story möchte ich euch gerne erzählen – und im Anschluss schauen wir noch mal drauf: War es Glück, oder waren andere Faktoren dafür verantwortlich?

Frühstück mit Folgen

Das Ganze fing an, als mich ein Freund zu einem Unternehmerfrühstück eingeladen hat, und zwar zu einem weltweiten Netzwerk, wo sich auf der ganzen Welt die Menschen tatsächlich morgens um 7 Uhr bereits treffen, um sowohl miteinander zu frühstücken als auch um sich gegenseitig Empfehlungen zu geben. (Ja, falls es jemand kennt: Es ist BNI.) Und das klang anfangs am Telefon alles sehr sonderbar, und ich hab die komischsten Ideen und Vermutungen gehabt, wo denn mein Freund da jetzt wohl reingeraten sein könnte, und habe am Anfang entsprechend ablehnend reagiert.

Letztlich hat mein Freund mich aber dann überzeugt mit den Worten: „Mensch, Martin, wir sind zusammen tauchen gewesen, da hast du mir dein Leben anvertraut. Da kannst du mit mir auch mal Frühstücken gehen.“ Tja – ein unschlagbares Argument, was soll ich denn da noch dagegen sagen? Denn schließlich hatte er ja Recht.

Also habe ich irgendwann mal meinen Wecker auf 5 Uhr morgens gestellt, bin aufgestanden und habe mich auf den Weg gemacht, um um kurz vor sieben in diesem Hotel anzukommen, wo dieses Unternehmerfrühstück stattfand.

Das läuft dann so ab, dass irgendwann ein Part kommt, bei dem alle Anwesenden (das sind dann alles Unternehmer und Selbstständige) 60 Sekunden Zeit haben, um sich vorzustellen, also was sie tun, was sie ggf. suchen oder auch, welche Fragen sie vielleicht haben. Das habe ich auch alles mitgemacht, das war auch alles soweit schön und ganz spannend.

Und dann stand jemand auf und erklärte, er hätte gute Kontakte nach Katar, weil er selbst dort gerade arbeiten würde. Und es sei so, dass einer der Scheichs, die dort sehr nahe am Emir von Katar dran sind (ich glaube, das war der Neffe, wenn ich das richtig in Erinnerung habe), dass der also viele Gewerke aus Deutschland suche, sowohl handwerklich aber auch in den Bereichen Knowhow und Wissenstransfer. „Made in Germany“ und deutsche Qualität stünden dort nämlich sehr hoch im Kurs. Und jeder, der da entsprechendes Interesse hätte, könne ihn ja nach diesem Frühstück ansprechen.

Ich gebe zu, ich habe tatsächlich heimlich unterm Tisch erst mal gegoogelt, wo Katar ist, denn das wusste ich alles seinerzeit noch gar nicht. Die Idee aber fand ich spannend, und ich habe mir dann ein paar Informationen über das Land gezogen – dass es dort immense Gasvorkommen gibt, und dass Katar ein sehr reiches Land ist. Auch die arabische Kultur hatte ich bis dahin noch nicht so großartig kennengelernt, und ich war also jetzt entsprechend sehr neugierig darauf.

Ich habe mich also darauf vorbereitet, direkt nach dem Frühstück auf diesen Herrn dort loszustürmen, und war der Meinung, dass es vermutlich für jeden Unternehmer und jeden Selbstständigen spannend sein würde, einen solchen Kontakt, und idealerweise dann natürlich auch einen sehr guten Kontakt, in solch ein Land zu bekommen.

Kaum hatte derjenige, der dieses Frühstück dort sozusagen moderiert hat, erklärt: „So, damit ist jetzt das Ganze beendet“, bin ich auch schon aufgesprungen und bin auf diesen Herrn zu gerannt, weil ich nämlich keine Lust hatte, mich da erst mal in eine lange Schlange einreihen zu müssen hinter allen, die vielleicht schneller waren als ich.

„Mensch, das klingt ja spannend, was Sie da gesagt haben, und Kontakt nach Katar, und ich kenne das Land jetzt nun gar nicht, und was wird denn da alles gesucht? Und ich kann das und das und das, das mache ich schon seit vielen Jahren hier in Deutschland. Denken Sie, dass das interessant wäre?“

Und die einzige Antwort, die er mir gegeben hat war, er werde mich dem Scheich vorschlagen, und wenn es interessant wäre, würde er mich anrufen und ein Treffen arrangieren. Er könne aber wegen der Planung nichts versprechen, denn der Scheich würde solche Treffen nicht groß im Voraus planen. Es käme stattdessen manchmal einfach ein Anruf: „Ich bin jetzt in München“, ohne dass das jetzt groß vorher angekündigt worden wäre. Konkrete Zeiten könne er mir also nicht nennen, keine Woche oder keinen Tag, wo er im Voraus sagen könne, an dem Tag ist der Scheich in München. Das sei oft alles sehr spontan.

Während dieses Gesprächs habe ich mich irgendwann mal umgeschaut, weil ich ja dachte, dass sich inzwischen hinter mir eine große Traube von Unternehmern gebildet hatte, die alle irgendwie den Kontakt nach Katar aufbauen wollen – aber da war keiner.

Und das ist der erste Punkt, den wir uns merken sollten: Ich war irgendwie der einzige in dem Raum, der gehandelt hat.
Ich bin dann nach Hause gefahren, und habe mir noch nicht allzu viel davon versprochen: So ganz habe ich es nicht geglaubt, und so richtig konnte ich mir das auch nicht vorstellen –es gibt ja schließlich durchaus immer mal wieder Menschen, die irgendwas behaupten, um sich interessant zu machen, oder aus sonstigen Motiven.

Und jetzt kommt’s darauf an …!

Das Ganze war übrigens an einem Freitag, das heißt Freitagmorgens um 7 Uhr war dieses Frühstück gewesen. Und am folgenden Morgen, am Samstag so gegen 10, hatte ich gerade angefangen, bei mir zu Hause Rasen zu mähen, als mein Telefon klingelte. Ich ging ran, der Rasenmäher lief weiter, und da war dieser Herr dran, der mit den Kontakten nach Katar: „Herr Sänger, der Scheich ist in München, können Sie ihn um 11 Uhr treffen?“

Ich sah auf die Uhr und merkte, das ist eine Stunde bis dahin. Und nachdem er mir auch noch das Hotel gesagt hatte, in dem der Scheich abgestiegen war, wusste ich: In dieses Hotel brauche ich eine Stunde.

Jetzt also die Frage: Welche Antwort hättest du gegeben? Hättest du gesagt: „Nee, das schaffe ich nicht. Und ich bin ja noch nicht geduscht, und außerdem mähe ich gerade Rasen, und können wir das nicht später machen?“ Das war auch mein erster Impuls. Aber dann habe ich ganz kurz überlegt und nur gesagt: „Jawohl, ich bin um 11 Uhr da.“ Ich hab das Telefon weggeschmissen, bin ins Haus gerannt, der Rasenmäher lief immer noch, hab meiner Frau gesagt: „Bitte leg mir was zum Anziehen raus, mach den Rasenmäher aus, ich muss zum Scheich!“

Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, wie meine Frau mich angeschaut hat –ich hatte noch gar keine Zeit gehabt, ihr von dem Freitagsgespräch zu erzählen. Die hat wirklich gedacht, ich hätte irgendwie am Auspuff von dem Rasenmäher geschnüffelt. Jedenfalls bin ich kurz unter die Dusche gesprungen, hab mich schnell irgendwie angezogen und bin ins Auto gestiegen und losgefahren, zu diesem Hotel, und bin dort angekommen um 11:01 Uhr, bin ausgestiegen, hab mein Auto laufen lassen, hab dem Menschen, der da in seiner schönen Uniform vor dem tollen Nobelhotel stand, gesagt: „Bitte parken Sie meinen Wagen, ich bin zu spät!“ Und bin reingerannt – und war um 11 Uhr und 2 Minuten beim Scheich – etwas abgekämpft, und die Krawatte hing auch so ein bisschen schief (wie ich allerdings erst nach dem Termin bemerkte) aber egal – ich war da!

Daraus erfolgte dann tatsächlich auch eine Einladung nach Katar, und da sind mir die tollsten Sachen passiert. Also das war unglaublich! Aber bevor ich davon erzähle, erst mal eine kurze Analyse, wie viel Glück ich denn nun eigentlich hatte:

Das erste Glück, das ich hatte war, dass ich mich entschlossen hatte, sofort im Anschluss an das Frühstück auf diesen Herrn zuzugehen und ihn anzusprechen. Und wie ich es vorher schon erwähnt habe, ich war tatsächlich der einzige von knapp 40 Unternehmern, der wirklich gleich auf ihn zugegangen ist. Ein paar haben ihn später noch angerufen, im Nachgang – aber in der Sekunde, als dieses Meeting zu Ende war, war ich erst mal der einzige gewesen.

Glück? Wohl eher kaum. Das war eine bewusste Entscheidung, die ich getroffen habe, und deswegen habe ich da so den ersten kleinen Mosaikstein gelegt.

Dann am nächsten Tag die Situation: Der ruft an, wo ich gerade barfuß in kurzer Hose am Rasenmähen bin. Das war auch ein relativ warmer Tag gewesen – das heißt, ich war auch nicht mehr so ganz frisch, musste also duschen, mich anständig anziehen, und im Prinzip war es von der Zeit her nicht machbar. Wie viel Glück hatte ich, dass ich es trotzdem gemacht habe? Gar keins. Auch hier war es wieder die Entscheidung: „Ja, ich mache das!“, verbunden mit der Hoffnung, wenn ich erst um zehn nach elf oder vielleicht auch um viertel nach elf ankomme – vielleicht ist der Scheich gnädig und empfängt mich trotzdem noch. Es war ja nicht nötig – zwei Minuten Verspätung, ich glaube, das hat der gar nicht gemerkt. Also, auch hier kein Glück, sondern eine bewusste Entscheidung.

Dann die tatsächliche Einladung nach Katar – das war sehr, sehr spannend. Also in den Flieger gesetzt und hingeflogen – ohne zu wissen, was mich dort erwartet. Ich wusste nicht, wie ich mich vorbereiten sollte, denn es gab keine Agenda. Ich wusste jetzt nicht: Was machen die dort mit mir? Muss ich was präsentieren? Werde ich bei Firmen rumgereicht? Ich wusste gar nichts. Also habe ich nur die wichtigsten Sachen eingepackt (als Trainer packt man immer ein paar Stifte ein), meinen Laptop, und bin da runter geflogen und habe alles auf mich zukommen lassen.
Glück war auch hier nicht im Spiel. Und das ist genau der Punkt, um den es mir geht:

Wenn uns so der Gedanke durch den Kopf schießt: „Oh, da hat aber jemand Glück gehabt!“, da lohnt es sich manchmal, hinter die Kulissen zu schauen und genau zu überlegen: War das jetzt wirklich Glück, was die Person da hatte? Oder war das eine Verkettung von Entscheidungen? War das etwas, wo man sagt: „Mensch, da hat der einige Entscheidungen getroffen, und daraus ist etwas entstanden, was dann vielleicht nach außen erst mal so wie Glück aussieht.“

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